Blut oder Himbeersaft

Unseren Rechtsaußen Stefan Posch hat nicht einmal ein Kieferbruch davon abgehalten, gegen den amtierenden Weltmeister aufs Feld zu laufen. Seine Entscheidung, sich fit zu melden, kommentierte er mit den Worten: „Steirerbluat is ka Himbeersaft.“ Ob für einen Spieler das Gewinnen oder vielleicht doch alles andere primär ist, das ist meistens sehr schnell erkennbar. So verlor etwa die deutsche Auswahl, die den ersten Platz in der Gruppe E bereits fix hatte, gegen das Team aus Ecuador, das für den Aufstieg unbedingt einen Sieg benötigte.
Wer zuerst auf sich selbst schaut und das Hauptaugenmerk darauf richtet, unbeschadet vom Platz zu gehen, wer jeden Körperkontakt meidet und Zweikämpfen aus dem Weg geht, wird kaum ein Spiel gewinnen. Dafür braucht es Hingabe, Passion, Leidenschaft, sonst wird es zu einer blutleeren Angelegenheit. Mit Halbherzigkeit kommt man nicht weit. Doch der Schmerz über eine Niederlage wiegt schwerer als körperliche Blessuren und die Freude am Sieg lässt viele Leiden vergessen.
Der Weg Jesu hat ebenso ein höheres Gut im Blick, für das es sich lohnt, auch leidvolle Erfahrungen anzunehmen, wenn das Leben sie einem zumutet. Jesus lässt seine Jünger wissen: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.“ (Mt 10,38) Ich verstehe dies freilich nicht als Aufforderung, das Kreuz zu suchen oder sich mutwillig Qualen auszusetzen, sondern als Einladung, in die Lebenshaltung Jesu hineinzuwachsen und sich mit ganzer Kraft dafür einzusetzen, am Reich Gottes mitzubauen. Die Haltung Jesu ist weder lebensverneinend noch schmerzverliebt, sie ist getragen von der Gewissheit, dass er gehalten ist in der Liebe Gottes und die Kraft des Lebens stärker ist als alles Leid, aller Schmerz, ja sogar als der Tod. Jesus verkörpert das Leben in seiner ganzen Fülle und Intensität.
Doch dorthin kann nur gelangen, wer sich selbst sterben und sein Ego begraben kann, wer sein Leben als Geschenk, Teilhabe und Aufgabe betrachtet. Es wächst, je mehr ich fähig und bereit bin, es hinzugeben. Wer sich mutig den Herausforderungen des Lebens, auch dem Leidvollen und Schweren stellt, wird – wie es der heilige Paulus ausdrückt – „in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln“ (Röm 6,4). Der Apostel ist überzeugt, „dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“. (Röm 8,18) Für den Fußballer ist diese „Herrlichkeit“ der sportliche Erfolg, im besten Fall der WM-Titel oder ein Eintrag in die Sport-Geschichtsbücher. Für Christ*innen ist es die Entfesselung des Lebens und die Verwandlung der Welt.
Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark
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