Über der Leistung steht die Gnade

Unsere Athlet*innen in Mailand, Cortina, Val di Fassa, Antholz, Bormio oder Livigno haben ihre „Fastenzeit“ schon hinter sich – die Zeit des intensiven Trainings und der akribischen Vorbereitung auf den großen Tag X. Jetzt geht es für sie darum, dass sich das Eingeübte im Wettkampf bewährt und sich die Strapazen, die sie über einen langen Zeitraum auf sich genommen haben, in Glücksgefühle verwandeln.
Für beides, die Fastenvorsätze wie auch das sportliche Training, braucht es Disziplin, Selbstüberwindung, Durchhaltevermögen, die Fähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, und die Bereitschaft, auf manche Annehmlichkeiten zu verzichten. In beiden Fällen ist dies alles kein Selbstzweck, man nimmt es um eines höheren Gutes willen auf sich. Für die einen sind es sportliche Erfolge und Olympische Medaillen, für die anderen ein Zugewinn an innerer Freiheit und Erfüllung.
Der Apostel Paulus erlebte in Korinth die Isthmischen Spiele mit, nach Olympia das zweitgrößte Sportfest in der Antike, und nahm in einem seiner Briefe darauf Bezug: „Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen.“ (1 Kor 9,25) Der Kranz, den wir beim Fasten gewinnen können, ist der, dass wir zu neuen Menschen werden, zu Menschen, die über sich selbst hinauswachsen, die ein Stück freier werden von dem, was das Leben beschwert, einengt und träge macht, die sich zu einer heilsamen Änderung ihres Lebensstils anstoßen lassen.
Das Entscheidende ist dabei freilich nicht das Erbringen einer Leistung. Fasten ist kein asketischer Hochleistungssport. Und auch im Sport kommt oft im entscheidenden Augenblick ein Moment der Gnade hinzu, etwas, das unverfügbar ist und einfach passiert. Das wirklich Tragende ist die Erfahrung, dass ich – ganz gleich, ob ich erfolgreich bin oder versage, strauchle und immer wieder hinfalle – gehalten und bedingungslos geliebt bin. Das Entscheidende ist etwas, das mir ganz unverdient geschenkt ist. Die Fastenzeit ist Vorbereitung auf das Fest der Auferstehung. Wir üben uns darin ein, dass die Wirklichkeit der Auferstehung immer mehr zur prägenden Kraft unseres Lebens wird. Sie kann auch im Sport beflügeln.
Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark
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