Die Macht der Mythen

Sie prägen sich tief in das kollektive Bewusstsein der Fangemeinde ein, haben eine bleibende Wirkmacht und bilden ein Narrativ, das auch jene erfasst, die das zugrundeliegende Ereignis gar nicht miterlebt haben. Die Fäden, aus denen solche Mythen gestrickt sind, sind Heldenmut, herausragende Leistungen, Geniestreiche, aber auch Tragödien, Versagen, das Erleiden von Ungerechtigkeit oder umstrittene Sachverhalte.
Zu diesen Mythen gehört auch die „Schande von Gijon“, das Skandalspiel zwischen Deutschland und Österreich bei der WM 1982 in Spanien, bei dem man sich auf ein Ergebnis einigte, das beiden Mannschaften zum Aufstieg reichte. Der Leidtragende damals war Algerien, dessen Team daraufhin die Heimreise antreten musste. Kein Wunder, dass dieses Gespenst nun herumgeisterte, als Österreich und Algerien erneut aufeinandertrafen. Denn Erlebnisse, die nicht bewältigt, Wunden, die nicht verheilt und Traumata, die nicht versöhnt sind, neigen dazu, wiederzukehren. Da half es auch nichts, dass Teamchef Ralf Rangnick versuchte, das Gespenst mit dem Vernunftargument, dass damals noch keiner der heutigen Spieler auf der Welt war, zu vertreiben. Mythen sind nicht vernünftig. Und so wäre den Algeriern mit ihrem Überraschungsangriff in der 93. Minute beinahe die Revanche gelungen – hätte nicht Saša Kalajdžić seinen Kopf hingehalten – und damit einen neuen Mythos ins Leben gerufen. Der Kopfball von Kansas wird sich wohl ebenso ins nationale Fußballgedächtnis einbrennen. In punkto Drama, Timing, Emotionalität und Happyend liefert er alle Zutaten. Eine solche Geschichte lässt sich nicht erfinden, die schreibt nur das Leben.
Obwohl mir vorkommt, dass Begriffe wie „historisch“ oder „für die Ewigkeit“ inzwischen allzu inflationär gebraucht werden. Jetzt haben wir schon das zweite „Spiel des Jahrhunderts“ innerhalb von zehn Tagen. Fast bei jedem Match wird inzwischen irgendein Rekord aufgestellt, den Statistiker in den Reporterkabinen an den Haaren herbeiziehen. So ist der Steirer Florian Wiegele, auch wenn er bisher bloß auf der Ersatzbank gesessen ist, der größte Spieler, der je an einer Fußball-WM teilgenommen hat. Historisch ist im Grunde jeder einzelne Augenblick – einzigartig, unwiederbringlich und mit keinem anderen vergleichbar. Wenn er vorbei ist, ist er Geschichte. Um es zum Mythos zu schaffen, braucht es aber mehr.
Heute Abend gegen Spanien wartet das nächste Schreckgespenst Fußball-Österreichs auf eine Traumabewältigung, nämlich die Schlappe von Valencia, jenes Spiel, bei dem schon zur Halbzeit feststand, dass wir es nicht mehr hoch gewinnen würden, und das die Teamchef-Karriere des „Jahrhundertspielers“ Herbert Prohaska beendet hat. Da ist alles angerichtet für einen neuen Mythos. Inszenieren lässt er sich freilich nicht, er muss passieren.
Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark
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