Ich war unsterblich

Geschichte geschrieben haben einzelne Athlet*innen wie Lucas Pinheiro Braathen, der dafür sorgte, dass erstmals das Land Brasilien im Medaillenspiegel von Winterspielen aufscheint. Oder Johannes Hotfløt Klæbo, der mit sechs Goldenen bei diesen Spielen und elf insgesamt einen Olympiarekord für die Ewigkeit aufstellte, den wohl bestenfalls er selbst noch verbessern wird können.
Auch an großen Geschichten mangelte es diesen Spielen nicht. Sie erzählen von Freude und Leid, Triumph und Tragödie. Da war das Drama der Lindsey Vonn, deren Traum, trotz künstlichem Knie und Kreuzbandriss in Cortina einen krönenden Schlusspunkt ihrer einzigartigen Karriere zu setzen, zum Albtraum geworden ist. Da war das Wintermärchen der Federica Brignone, die nach einer schweren Beinverletzung noch vor drei Monaten bangte, ob sie jemals wieder gehen wird können, und sich nun zur Doppelolympiasiegerin kürte. Da war das Ausbüchsen des Atle Lie McGrath, der wenige Tage nach dem Tod seines Großvaters im Slalom nach Zwischenbestzeit ausschied, alles von sich schleuderte und sich im Wald verstecken wollte. Da war die Jubelpose des Benjamin Karl, der nach der Wiederholung seines Olympiasiegs von 2022 erst so richtig Muskeln zeigte und mit nacktem Oberkörper posierte. Und da war der skandalöse Ausschluss des ukrainischen Skeleton-Fahrers Wladyslaw Heraskewytsch, der Bilder von im Krieg gefallenen Sportlerkolleg*innen auf seinem Helm trug – eine fragwürdige Reglementauslegung und peinlich für das IOC. Der standhafte Ukrainer wurde auch so zum Helden und erhielt viel Aufmerksamkeit für sein mutiges Statement.
All das könnte damit zu tun haben, dass dem Menschen eine Sehnsucht nach dem Ewigen innewohnt. Er möchte die Grenzen seiner vergänglichen Existenz überschreiten. Doch vielleicht finden wir die Ewigkeit ja weniger in den Geschichtsbüchern als im Verkosten des Augenblicks. Der nordische Kombinierer Stefan Rettenegger schwärmte nach seiner famosen Aufholjagd in der Langlaufloipe im Teambewerb: „Ich war unsterblich.“ Ich habe es interessant gefunden, dass er die Vergangenheitsform benützt hat. Ist Unsterblichkeit nicht jenseits der Zeit angesiedelt? Was er beschrieben hat, meint wohl weniger einen metaphysischen Seinszustand, sondern mehr eine momenthafte Empfindung. Wer ganz in die Gegenwart eintaucht, kommt mit der Ewigkeit in Berührung.
Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark
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